Schicksale

Portrait: Gerhard Berting

Gerhard Berting

geboren: 26. Juni 1900 in Hannover
gestorben: 10. Dezember 1963 in Solingen

Lebensweg

Der evangelische Kaufmannssohn Gerhard Berting wird am 26. Juni 1900 in Hannover geboren, seine Mutter ist Jüdin. Nach dem Wehrdienst schließt er sein Jurastudium ab und durchläuft mehrere Stellen als Jurist.

Aufgrund seiner jüdischen Abstammung wird er im Mai 1935 von den Nationalsozialisten im Range eines Regierungsrates bei der Bezirksregierung Osnabrück zwangspensioniert, 1937 kann er zumindest die weitere Zahlung seiner Assessorbezüge erstreiten. Von Mai 1940 bis Mai 1942 muss er bei Siemens in Berlin Zwangsarbeit leisten. Seit 1. September 1941 ist er zum Tragen des Judensterns verpflichtet. Am 16. Mai 1942 gelingt ihm die Flucht nach Belgien. Seine wertvolle Briefmarkensammlung hat er unter Wert verkauft, um den teuren Fluchthelfer bezahlen zu können. Von September 1942 bis Juli 1943 lebt er illegal in Brüssel, wo er bei dem Kaufmann Herbert Gotthelf als Hausdiener arbeitet. Durch Vermittlung des Beauftragten der jüdischen Gemeinde in Brüssel gelingt es jedoch, Bertings Aufenthalt durch die Militärverwaltung legalisieren zu lassen.

Nach Kriegsende arbeitet Berting ab Oktober 1945 wieder als Regierungsrat bei der Bezirksregierung in Düsseldorf. Auf ihrer ersten Sitzung am 6. März 1946 wählen die von der britischen Besatzungsmacht ernannten Stadtverordneten einstimmig Gerhard Berting zum ersten Oberstadtdirektor der Stadt Solingen. Der neue Verwaltungschef, der in den nächsten Jahren auch vielen ehemals rassisch Verfolgten in der Klingenstadt Zuflucht und Hilfe gewährt, nimmt die Probleme der zerstörten Stadt tatkräftig in Angriff. Berting zeichnet maßgeblich für den Wiederaufbau der Innenstadt, die Einrichtung der drei Berufsschulen, den Neubau des Theater- und Konzerthauses, der Sparkassenpassage und des Gräfrather Altenheimes (Eugen-Maurer-Haus) verantwortlich. Der streitbare Pfeifenraucher ist in seiner spontanen Begeisterungsfähigkeit und Tatkraft allseits respektiert. Als er am 10. Dezember 1963 mitten in seiner zweiten Amtszeit verstirbt, ist er der dienstälteste Verwaltungschef in Nordrhein-Westfalen.

Text: Armin Schulte

Stand: 16.4.2005