Stolpersteine

Maximilian Oesterreicher

geboren: 5. September 1882 in Wien
gestorben: 19. September 1941 in Solingen

Lebensweg

Die Brüder Siegfried und Maximilian Oesterreicher kommen 1878 und 1882 in Wien als Söhne des Damenschneiders Gottlieb Oesterreicher und seiner Frau Minna zur Welt. Über die Kindheit und Jugend der beiden Jungen ist nichts bekannt. Laut seinem in der Wiedergutmachungsakte erhaltenen Arbeitsbuch erfährt Maximilian von 1896 bis 1899 bei einem Schriftenmalermeister in Wien eine Berufsausbildung als Anstreicher.

Im November 1914 kommt Maximilian erstmals nach Solingen, meldet sich aber während des Krieges noch zweimal für mehrere Monate nach Opladen und Frankfurt ab. Seit 1917 lebt er dauerhaft in der Klingenstadt, wo er 1924 ein Gewerbe als selbständiger Anstreicher anmeldet. Von 1918 an wohnt er bis 1932 in der Wupperstraße 105.

Im Dezember 1919 folgt ihm sein aus italienischer Kriegsgefangenschaft entlassener Bruder Siegfried nach Solingen und lebt zunächst bei ihm in der Wupperstraße. Maximilian Oesterreicher ehelicht am 21. Februar 1920 vor dem Standesamt in Solingen die geschiedene Katholikin Margaretha Vollmer geborene Kremer aus Ohligs. Vermutlich heiratet das Paar auch nach jüdischem Ritus. Auf jeden Fall tritt Margaretha noch vor dem 1. August 1920 zum Glauben ihres Mannes über, der neben seiner Tätigkeit als Maler und Anstreicher auch als Synagogendiener („Schammes") bei der jüdischen Gemeinde in Solingen angestellt ist. Im März 1920 zieht Margaretha zu ihrem Mann in die Wupperstraße 105.

Mit der nahezu unmittelbar einsetzenden Diskriminierung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung und ihrer Verdrängung aus dem Wirtschaftsleben durch die Nationalsozialisten ab 1933 gehen die Einkünfte von Maximilian Oesterreicher stark zurück. Er erhält als Jude immer weniger Aufträge, sicherlich auch aufgrund einer offiziellen Boykottliste. Die 1935 von der NSDAP-Kreisleitung Wuppertal (Amt für Handwerk und Handel) erstellte Broschüre „Juden in Wuppertal" benennt explizit auch den Anstreicher Maximilian Oesterreicher.

Zwischen 1932 und 1935 zieht das Ehepaar häufiger um. Ob dies ab 1933 immer mit dem schwindenden Einkommen in Verbindung stehen, ist fraglich. 1933 und 1934 halten sich beide für einige Zeit in Wien und Elberfeld auf. Im Mai 1935 ziehen beide schließlich in die Wupperstraße 21a. Haus und Hinterhaus gehören der Familie Giesenow (wohnhaft Nr. 23).

Im November 1938 wird Maximilian Oesterreicher in Folge der Reichspogromnacht vom 9. November verhaftet. 1948 schreibt der damalige Polizeiobermeister Böhm: „Im Jahre 1938 war ich Gefängnisbeamter im Polizeigefängnis Solingen. Am Tage nach der Synagogenbrandstiftung und der Zerstörungen der Wohnungen der jüdischen Bevölkerung durch die SA, wurde die [so] männliche Teil der jüdischen Gemeinde durch die Gestapo in sogenannte Schutzhaft genommen und in das Polizeigefängnis Solingen eingeliefert. Unter den Eingelieferten befand sich auch der Anstreicher und Maler Maximilian OESTERREICHER, damals in Solingen, Wupperstr. 21a wohnhaft. Nachdem die betagten Männer nach etwa 2 Tagen freigelassen wurden, ist der Maximilian OESTEREICHER noch einige Tage im Polizeigefängnis zurückgehalten worden. Das genaue Datum seiner Freilassung durch die Gestapo ist mir heute nicht mehr in Erinnerung. Ich kann mich dieses Falles genau entsinnen, weil mir die in Altsolingen wohnenden jüdischen Einwohner alle bekannt waren." Laut Angabe seiner Ehefrau werden Oesterreicher für die Haft Kosten auferlegt, die er zu begleichen hat. Eine selbständige Tätigkeit lässt sich nun endgültig nicht mehr aufrechterhalten. Laut der Gewerbekartei muss er sein Geschäft mit dem 31. Dezember 1938 einstellen und abmelden. In der Folge ist er als Anstreichergehilfe für die Solinger Firmen Vörster und Carl Klein tätig. Die letzte im Arbeitsbuch eingetragene Beschäftigung endet im April 1941.

Das Ehepaar Maximilian und Margaretha Oesterreicher entschließt sich im Oktober 1940 in seiner Verzweiflung, zum katholischen Glauben überzutreten. Das Ehepaar hofft damit, weiteren Diskriminierungen vorzubeugen und seine Situation zu verbessern. Wahrscheinlich aber bewirkt der Schritt Gegenteiliges, das Stigma bleibt, Maximilian aber wird zusätzlich zum Außenseiter innerhalb der verbliebenen jüdischen Gemeinde. Die Brücken hinter ihm sind abgebrochen.

Als am 1. September 1941 durch die „Polizeiverordnung zur Kennzeichnung der Juden" (RGBl. 1, S.547) im Deutschen Reich der jüdischen Bevölkerung das verbindliche Tragen des „Judensterns" zur Pflicht gemacht wird und auch Maximilian Oesterreicher als ein in „Mischehe" lebender Jude davon betroffen ist, da die Ehe kinderlos geblieben ist, scheint dies der Auslöser für die nun folgende Verzweiflungstat zu sein. Maximilian Oesterreicher beschließt, seinem Leben ein Ende zu setzen. Im späteren Bericht der Staatsanwaltschaft Wuppertal heißt es: „Die Leiche wurde am 19.9.41 gegen 7,30 Uhr in den Waldanlagen Kannenhof - Stättgesmühle 4 Meter vom Waldweg entfernt neben einigen jungen Eichen aufgefunden. Um den Hals der Leiche befand sich noch die Kordelschlinge. Demnach ist die Leiche von einem Passanten abgeschnitten worden und hatte diese Person das Polizeirevier fernmündlich in Kenntnis gesetzt. In der Rocktasche wurde beiliegendes Schreiben vorgefunden. Es handelt sich um den Maler und Anstreicher O e r s t e r r e i c h e n [so] wohnhaft Solingen, Wupperstr. 21, a. Der Grund des Selbstmords dürfte darin liegen, dass der Tote sich schämte, das Judenabzeichen ab heute zu tragen. Der Tote hat sich wahrscheinlich schon am gestrigen Abend am Tatort an einer jungen Eiche in der Gabelung von 2 Meter Höhe erhängt. Die Leiche wurde mittels Transportwagen der Firma Tameling nach der Leichenhalle in der Kasinostrasse überführt. Die Ehefrau (...) hat die Leiche als ihren Ehemann erkannt. Gez. Schwarz Krim. Sekr. Gez. Müller Kri.O.Sekr." Die Staatsanwaltschaft folgert, ohne sich einer Mitschuld der Behörden auch nur annäherungsweise bewusst zu werden: „Nach der Lage der Sache liegt einwandfrei Selbstmord vor. Es handelt sich bei dem Selbstmörder um einen hier bekannten Volljuden. Nach der neuen Verordnung war er verpflichtet, ab 19.9.41 den vorgeschriebenen Judenstern auf seiner Kleidung sichtbar zu tragen. In den letzten Tagen hat er mehrere Dienststellen aufgesucht, um hiervon entbunden zu werden. Zur Begründung hat er angegeben, dass er dann als Anstreicher bei der hiesigen Bevölkerung nicht mehr Arbeit finden würde. Sein Ersuchen ist abgelehnt worden, da Ausnahmen nicht gemacht werden könnten. Hierüber ist er nach Angaben seiner Ehefrau derart verstimmt gewesen und hat Selbstabsichten [so] geäussert, die er in der Tat auch nunmehr ausgeführt hat. Die Schuld eines Dritten liegt nicht vor." Bei sich trägt der Tote einen letzten Brief an seine Frau: „Mein liebes Gretchen! Nachdem mir ein ungünstiger Bescheid erteilt wurde und Du liebes Kind weißt dass ich niemals mit dieser "Auszeichnung" herum laufen würde, habe ich mir schon seit Donnerstag voriger Woche den festen Entschluss gefasst auf irgendeiner Art aus dem Leben zu gehen."

Nach Auskunft der Friedhofverwaltung St. Clemens wird Maximilian Oesterreicher auf dem katholischem Friedhof Cronenberger Straße, Feld C, Reihe 7, Nr.9, beigesetzt. Seine Frau Margarethe ist nun gezwungen, ihren Lebensunterhalt als Näherin zu verdienen, in einem Beruf, dem sie auch nach 1945 treu bleibt.

Selbstmorde hinterlassen Fragen, vor allem die nach der Mitschuld an dem Freitod des Menschen und der individuellen Verantwortung seiner Umgebung. Einige dieser Fragen finden sich sicher auch in den unerfreulichen Ereignissen der Nachkriegsjahre widergespiegelt: Während der Kriegszeit lebt in unmittelbarer Nachbarschaft der Oesterreichers ein Hilfsangestellter des Ernährungs- und Wirtschaftsamtes, der in der Außenstelle Grünewald beschäftigt ist. Nachweislich unterstützt er Kommunisten (und über diese mittelbar auch ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene) sowie die ehemals wohlhabenderen Familien der jüdischen Gemeinde Coppel, Giesenow und Dessauer mit Lebensmittelmarken und Naturalien. Wahrscheinlich erhält er dafür von diesen Gegenleistungen und handelt vermutlich auch bis zu seiner Entdeckung durch die Behörden im September 1944 mit den Marken. In den Nachkriegsjahren bezichtigt nun Frau Oesterreicher diesen Mann der Vorteilsnahme, während wiederum er selbst und andere Nachbarn Frau Oesterreicher eine Mitschuld am Tod ihres Mannes geben und dabei auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde zitieren. Man scheut sich nicht, ihr eine gewisse Nähe zu erklärten Nationalsozialisten nachzusagen. Margaretha Oesterreicher stirbt am 24. Januar 1968 in den Städtischen Krankenanstalten in Solingen. Beigesetzt wird sie neben ihrem Mann auf dem Friedhof Cronenberger Straße.

Text: Armin Schulte

Stand: 11.7.2016

 

VerlegeortWupperstraße 9
StadtteilMitte
Verlegedatum03.09.2013

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