Stolpersteine

Siegfried Oesterreicher

geboren: 24. Juli 1878 in Wien
gestorben: deportiert am 15. Juni 1942 nach Izbica bei Lublin, anschließend vermutlich im Vernichtungslager Sobibor ermordet

Lebensweg

Die Brüder Siegfried und Maximilian Oesterreicher kommen 1878 und 1882 in Wien als Söhne des Damenschneiders Gottlieb Oesterreicher und seiner Frau Minna zur Welt. Über die Kindheit und Jugend der beiden Jungen ist nichts bekannt.

Im November 1914 kommt Maximilian erstmals nach Solingen, seit 1917 lebt er dauerhaft in der Klingenstadt, wo er 1924 ein Gewerbe als selbständiger Anstreicher anmeldet. Von 1918 an wohnt er bis 1932 in der Wupperstraße 105. Im Dezember 1919 folgt ihm sein aus italienischer Kriegsgefangenschaft entlassener Bruder Siegfried nach Solingen und lebt zunächst bei ihm in der Wupperstraße. In den nächsten Jahren wechselt Siegfried häufig die Wohnadresse innerhalb Solingens, von Beruf ist er laut Einwohnermeldekartei und Adressbuch Fabrikarbeiter, Kellner und Lagerist. Etwa anderthalb Jahre lang arbeitet er bei den Städtischen Krankenanstalten als Krankenpfleger oder lässt sich dort zu einem solchen ausbilden. Er ist geschieden und hat, vermutlich aus dieser Ehe, mindestens eine Tochter. Die am 4. Januar 1903 in Brüssel geborene Estella (oder Estelle) Oesterreicher wird ihren Vater um die Jahreswende 1931/1932 von Hamburg kommend in Solingen besuchen und nach etwa einem Monat nach Köln weiterreisen. Ihr Beruf wird laut Einwohnermeldekartei mit „Tanzdame" angegeben, von Religion ist sie evangelisch.

Siegfried Oesterreicher, der in Solingen zuletzt von März 1937 an in der Eisenstraße 13 in einem Wohnhaus der Fa. Kieserling & Albrecht wohnt und im Adressbuch als Lagerist geführt wird, zieht am 12. Juni 1939 in die Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn (Jacoby'sche Anstalt) bei Koblenz um. Entgegen der früheren Annahme, er sei dort als Patient eingeliefert worden, ist er dort als „Hilfspfleger" tätig. Eventuell, und dies ist zunächst einmal nur eine Spekulation, steht die Arbeitsaufnahme in Verbindung mit der Einlieferung der Solinger Fabrikantentochter Martha Fanny Coppel, die irgendwann zu dieser Zeit Patientin in Bendorf-Sayn wird. Auch die Solinger Paul Meirowitz und eventuell Samuel Lewak sind Insassen der Anstalt, die nach dem Runderlass des Reichsministeriums des Inneren vom 12. Dezember 1940 die einzige verbliebene Adresse für die Neuaufnahme jüdischer „Geisteskranker" im Reich ist.

Nach dem Selbstmord seines Bruders Maximilian hat auch Siegfried Oesterreicher nicht mehr lange zu leben. Laut der Dokumentation auf der Internetseite der Stadt Bendorf werden zwischen März und November 1942 573 Patienten und Angestellte der Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn in die Vernichtungslager im Osten deportiert. Am 3. Juni 1942 ordnet dabei Adolf Eichmann für den 15. Juni 1942 einen dritten Transport nach Izbica bei Lublin an, der von der Gestapo in Güterwagons durchgeführt wird. Zu den abtransportierten Menschen gehören laut Transportliste auch der Hilfspfleger Siegfried Oesterreicher, die Hausgehilfin Alice Oesterreicher geborene Hirsch, vermutlich seine Frau, und die Patientin Martha Coppel. Paul Meirowitz wird am 30. April 1942 in das Ghetto Krasniczyn bei Lublin deportiert. Die Anstalt Bendorf-Sayn selbst wird nur wenig später mit dem Runderlass des Reichsinnenministeriums vom 10. November 1942 geschlossen. Mit der Angabe des Bestimmungsortes Izbica bei Lublin, einem Durchgangslager für die Vernichtungslager, verlieren sich die konkreten Spuren der Oesterreichers und Martha Coppels. Das Gedenkbuch des Bundesarchivs gibt als endgültigen Bestimmungsort des Transportes ab Koblenz-Köln-Düsseldorf das Lager Sobibor an. Dort werden wohl alle drei umgebracht, sofern sie Transport und Durchgangslager überlebt haben. 1954 wird Margaretha Oesterreicher ihren Schwager vor dem Amtsgericht Koblenz für tot erklären lassen.

Von der Tochter Siegfried Oesterreichers aber gibt es noch einmal Nachricht: 1957 meldet die in Hamburg lebende Elvira Estelle Oesterreicher über ihren Rechtsanwalt im Zuge des Wiedergutmachungsverfahren erfolgreich Erbansprüche an.

Text: Armin Schulte

Stand: 11.7.2016

 

VerlegeortEisenstraße 13
StadtteilMitte
Verlegedatum14.01.2012

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