14 aus 140

Stand 27.08.2020

In Solingen leben Menschen aus 140 Nationen.

Brigitte Annessy

„Als Französin mit armenischen Wurzeln hat mich der Brandanschlag sehr erschüttert“

Brigitte Annessy
Foto: Uli Preuss
Text: Jutta Schreiber-Lenz

Die vielseitige Künstlerin kam von Paris über die Kölner „Lindenstraße“ nach Solingen

Es ist ihr eigentlich zu kalt hier. Brigitte Annessy friert oft in Solingen – die gebürtige Französin mit armenischen Wurzeln liebt die Sonne. Umso mehr genießt sie die eigentlichen Wärmespender in ihrem Leben: ihre vier Kinder, die Arbeit in Schulen, in denen sie französische Theater-AGs anbietet, und ihre Auftritte als Chanson-Sängerin.

Schon mit elf Jahren betrat sie die Bühnenbretter – ein Lehrer hatte ihr Schauspiel-Talent entdeckt, in ihrem kleinen Heimatdorf bei Versailles. Und selbst ein schwerer Mofa-Unfall, der sie fast ein ganzes Jahr aus der Bahn warf, hinderte die damals 17-Jährige nicht daran, ihre Passion zum Beruf zu machen. Eine erste Rolle, das Glück, unter über 900 Bewerbern für ein Stipendium der „Ecole de l’acteur“ in Paris ausgewählt zu werden – und nach einem Theater- und Musical-Leben in Frankreich das Angebot von Regisseur Hans W. Geißendörfer, bei der deutschen „Lindenstraße“ einzusteigen: Es lief gut für die  heute 52-jährige Wahl-Solingerin.

Erst einmal also Köln – und damit die Notwendigkeit, die deutsche Sprache intensiv zu lernen. „Die Rolle der Dominique Mourrait kam mir da sehr entgegen, weil die Figur zunächst auch ganz schlecht Deutsch sprach“, erzählt Brigitte, die sich längst mühelos ausdrückt und nur noch einen charmanten Akzent hat. „Ich habe täglich akribisch meine Texte gelernt und übersetzt und hatte zeitgleich Intensiv-Unterricht.“

Am Set lernte sie ihren späteren Mann kennen und baute mit ihm eine Komparsen-Agentur auf, für die sie europaweit unterwegs war. Mit dem Tod ihres Mannes kam eine neue Lebensphase: Familie in Solingen; solange die Kinder klein waren, eine Zeit für „Haus und Hof“. Dann begann sie allmählich wieder aufzutauchen: Hans-Peter Kempkes entdeckte ihr Gesangstalent für gemeinsame Auftritte, die ihr viel Spaß machten und die immer mehr Raum ihres Lebens einnahmen. Sie knüpfte über ihre Kinder Kontakte zu Schulen und bot AGs an. „Kein Unterreicht, einfach Theaterprojekte, bei denen wir gemeinsam in Französisch spielen, reden, malen und basteln.“

Dazu fördert sie ihre „Ableger“. Ihre älteste Tochter war beim Spina-Theater aktiv und studiert nun in Düsseldorf, die anderen sind im Schwimmsport unterwegs, vor kurzem stand etwa ihre jüngste Tochter Kim bei der Sport-Gala mit den geehrten Synchronschwimmerinnen des TSV Aufderhöhe auf der Bühne des Konzertsaals.

Den Brandanschlag vor 25 Jahren erlebte sie in Köln mit. „Aber dieses Geschehen hat mich sehr erschüttert, und aufgrund meiner armenischen Wurzeln bekam ich richtige Beklemmungen“, gesteht Brigitte, deren Familienname Ohannesian von ihrem ersten Agenten in Frankreich zum Künstlernamen „Annessy“ verändert wurde.

Ob sie Solingen irgendwann mal wieder verlassen und noch einmal zu neuen Ufern aufbrechen wird? „Solange meine Kinder noch bei mir sind, sicher nicht“, sagt sie.  Zumal das mit der Zweisprachigkeit nicht besonders gut geklappt habe. „Bei meiner Ältesten schon, sie ist perfekt in Beidem.  Aber die anderen verstehen zwar gut, aber sprechen nicht so überragend Französisch.“ Derzeit mag sie ihr Leben hier – immer mehr. Wieder künstlerisch tätig zu sein, mehr und mehr im Netzwerk der Solinger Künstler eingewoben zu sein: Das sei großartig.  Einstweilen bleibt es ein Traum, wieder als Schauspielerin auf der Bühne zu stehen. Denn: „Man kann halt nicht alles zugleich haben.“

Im Portrait
  • Dr. Gia Phuong Nguyen
    Der Chefarzt kam als Achtjähriger von Vietnam nach Deutschland
  • Shabnam Arzt
    Die gebürtige Perserin wanderte über den Umweg „Türkei" nach Deutschland aus
  • Calogero Vinciguerra
    Der in Solingen geborene Italiener ist der erste EU-Feuerwehrmann der Klingenstadt.
  • Manuel Lisboa
    Der Angolaner und „Ehren-Portugiese“ hat zahlreiche Ehrenämter
  • Rose Mersky
    Die US-Amerikanerin Rose Mersky begann mit Ende 50 ihr neues Leben in Deutschland
  • Hashem Mohammed Hikmat
    Er floh aus Afghanistan, kehrte wieder zurück – und musste erneut fliehen
  • Clinton Thomson
    Der Tennis-Profi besitzt die australische und deutsche Staatsbürgerschaft
  • Brigitte Annessy
    Die vielseitige Künstlerin kam von Paris über die Kölner „Lindenstraße“ nach Solingen
  • Kanak Chandresa
    Der indische Naturwissenschaftler hat das Malen für sich entdeckt
  • Dragan Denic
    Der gebürtige Serbe kann sich noch gut an die Karstadt-Eröffnung erinnern
  • Rita Kuckelberg
    Sie kam als Kind griechischer Gastarbeiter in die Klingenstadt
  • Aissa Aurag
    Der Marokkoner kam durch seinen Hauptschul-Rektor aufs Gymnasium
  • Ingrid Lauterjung
    Sie kam der Liebe wegen aus dem belgischen Knokke nach Solingen

Downloads