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Stand 27.08.2020

In Solingen leben Menschen aus 140 Nationen.

Hashem Mohammed Hikmat

„Ständig Angst um Leib und Leben zu haben, ist zermürbend“

Hashem Mohammed Hikmat
Foto: Uli Preuss
Text: Jutta Schreiber-Lenz

Hashem Hikmat floh aus Afghanistan, kehrte wieder zurück – und musste erneut fliehen

Eigentlich gehöre er doch nach Hause, nach Afghanistan, sagt Hashem Mohammed Hikmat. Der 60-Jährige arbeitet als Dolmetscher für das Bundesamt für Integration und Flüchtlingshilfe (BAMF) und wird oft angefragt.  Viel wirft dieser Job nicht ab, nicht so viel wie er als Maschinenbauingenieur oder Berufsschullehrer verdienen könnte. Aber Hikmat ist dankbar, dass er in Deutschland, in Solingen, unterkommen konnte, nachdem er aus seiner Heimat vor den Schergen der Taliban fliehen musste. Zu gerne hätte er als Fachmann weiter mitgeholfen, das gebeutelte Land wieder aufzubauen, so wie er es ein paar Jahre hatte tun können. Als Berufsschullehrer war er nach der Insolvenz der Firma Kieserling von Solingen zurückgegangen, um Entwicklungshilfe zu leisten. „Die Infrastruktur lag brach; ich wollte vor Ort dazu beitragen, dass Jugendliche sich in ihrem Land weiterbilden können.“ Lernen statt nur zu kämpfen, um Afghanistan eine Zukunft zu erarbeiten.

Der inzwischen fünffache Familienvater mit deutscher Staatsbürgerschaft klingt resigniert, als er seine Geschichte erzählt: Als 22-jähriger Stipendiat sei er aus Afghanistan nach Deutschland gekommen und habe hier seine technische Ausbildung abgeschlossen. Geplant sei eine Rückkehr gewesen, aber die politische Entwicklung in der Heimat mit dem Einmarsch der Russen habe ihn dazu veranlasst, hier zu bleiben. 20 Jahre war er bei der Firma Kieserling angestellt. Als er die betriebsbedingte Kündigung bekam, hatte er „die Nase voll von Deutschland“, wie er drastisch sagt. „Ich wollte nach Hause.“

Die Entscheidung, nach Afghanistan zurückzukehren, schien richtig. Jahre folgten, in denen er dort die Ärmel hochrollte und anpackte. „Ich habe mitgeholfen, eine Berufsschule aufzubauen. Diesem Land fehlen Fachleute, dieser unsägliche Dauerkrieg hat neben vielem anderen auch alle Bildungsstrukturen zerstört.“ Er heiratete, gründete eine Familie. „Dort zu leben ist ganz anders als hier – immer wieder neue militärische Auseinandersetzungen bringen ständig Angst und Misstrauen.“ Überfälle, Gewalt, Schießereien: „Oft konnten die Kinder nicht zur Schule.“ Er selber wurde von den fanatischen Taliban argwöhnisch beäugt, terrorisiert, schließlich verfolgt. „Dass ich so lange im Westen gelebt hatte, machte mich automatisch zu einer verdächtigen Person, die ständig beobachtet und auch schikaniert wurde.“

Als zwei Freunde seines Kreises verhaftet und erschossen wurden, war ihm klar, dass er in Afghanistan keine Zukunft mehr hatte. Er gab auf und reiste erneut aus. „Ständig Angst um Leib und Leben zu haben, macht alles andere sinnlos.“ Seit 2010 ist Hikmat wieder in Solingen. Vor drei Jahren durfte seine Familie nachkommen. „Es geht uns gut. Die Angst ist vorbei“, sagt er – relativiert das aber ein wenig. „Die Entwicklung hier mit dem Erstarken intoleranter und ausländerfeindlicher Strömungen tut mir weh.“ Auch eine bange Frage bereite ihm zuweilen schlaflose Nächte: „Wie wird es vielleicht hier noch werden?“

Seine Aufgabe sieht er nun darin, die Familie zu integrieren. „Meine Kinder sollen hier ankommen, müssen hier Heimat finden. Zurück geht es nicht mehr.“ Die Traurigkeit um das verlorene Zuhause in Afghanistan schluckt er tapfer hinunter, um den Integrationsprozess „seiner“ Leute zu fördern. Aber das sei nicht so leicht. „Durch die schlechte Schulbildung in Afghanistan stehen meine Kinder viel schlechter da als ich in jungen Jahren“, bedauert er. „Eigentlich müssen sie bei Null anfangen.“ Hikmat kämpft sich durch für sie, vermittelt, animiert, lebt vor. „Meine Frau ist eine konservative Muslimin“, sagt er. „Ihr klarzumachen, dass sie es ohne Kopftuch hier leichter hätte und unsere Töchter auch, bedeutet für mich, ein sehr dickes Brett durchzubohren.“ Noch hat er das nicht geschafft. 

Die zweite Schwierigkeit sei der Kulturschock für seine Kinder: In Afghanistan gewöhnt, sich um Basics des täglichen Lebens zu kümmern, drücken sie die Schulbank jetzt mit Mitschülern, für die es völlig normal sei, turnusmäßig das neueste Handymodell zur Verfügung zu haben. „Da prallen Welten aufeinander.“ Er würde es begrüßen, wenn in der Schule quer durch alle Nationalitäten untereinander mehr Unbefangenheit herrschen würde. Einander besuchen, sich zum Sport mitnehmen und solche Sachen. „Aber das ist leichter gesagt als umgesetzt.“

Im Portrait
  • Dr. Gia Phuong Nguyen
    Der Chefarzt kam als Achtjähriger von Vietnam nach Deutschland
  • Shabnam Arzt
    Die gebürtige Perserin wanderte über den Umweg „Türkei" nach Deutschland aus
  • Calogero Vinciguerra
    Der in Solingen geborene Italiener ist der erste EU-Feuerwehrmann der Klingenstadt.
  • Manuel Lisboa
    Der Angolaner und „Ehren-Portugiese“ hat zahlreiche Ehrenämter
  • Rose Mersky
    Die US-Amerikanerin Rose Mersky begann mit Ende 50 ihr neues Leben in Deutschland
  • Hashem Mohammed Hikmat
    Er floh aus Afghanistan, kehrte wieder zurück – und musste erneut fliehen
  • Clinton Thomson
    Der Tennis-Profi besitzt die australische und deutsche Staatsbürgerschaft
  • Brigitte Annessy
    Die vielseitige Künstlerin kam von Paris über die Kölner „Lindenstraße“ nach Solingen
  • Kanak Chandresa
    Der indische Naturwissenschaftler hat das Malen für sich entdeckt
  • Dragan Denic
    Der gebürtige Serbe kann sich noch gut an die Karstadt-Eröffnung erinnern
  • Rita Kuckelberg
    Sie kam als Kind griechischer Gastarbeiter in die Klingenstadt
  • Aissa Aurag
    Der Marokkoner kam durch seinen Hauptschul-Rektor aufs Gymnasium
  • Ingrid Lauterjung
    Sie kam der Liebe wegen aus dem belgischen Knokke nach Solingen

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