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Stand 27.08.2020

In Solingen leben Menschen aus 140 Nationen.

Kanak Chandresa

„Meine Geschwister und ich haben früh gelernt, uns zu behaupten“

Kanak Chandresa
Foto: Uli Preuss
Text: Jutta Schreiber-Lenz

Der indische Naturwissenschaftler hat das Malen für sich entdeckt

Kanak Chandresa malt. Der aus Saurashta in Indien stammende Naturwissenschaftler hat nach seiner Pensionierung seine Passion für Kohlestift, Pinsel, Tusche, Farben und Leinwände neu belebt. In seinem Ohligser Atelier, aber auch in den leer stehenden Ladenlokalen der Clemens-Galerien präsentiert er eine unglaubliche Vielfalt an Stilen. Mal drückt er seine Botschaften mit schlichten, präzisen Strichen aus, mal ist es die Leuchtkraft der Farben, die er zum Teil auch für abstrakte Werke nutzt. Immer wieder ist es die Brücke zwischen den Kulturen, die ihn fesselt und deren Faszination er an seine Betrachter weitergibt.

1963 kam Kanak Chandresa nach Deutschland, um seine Ausbildung zu vervollständigen. An der Gujarat University Ahmedabad hatte er zuvor den „Bachelor of Science“ in Physik und Chemie gemacht. 1966 legte er seinen Abschluss als Ingenieur Maschinenbau und Elektrotechnik vor. Bei der Solinger Firma Blasberg, einer Fachfirma für Oberflächentechnik, widmete er sich der Weiterentwicklung von Abwasseranlagen und setzte somit erste Akzente im damals gerade erst aufkeimenden Umweltschutz-Bewusstsein.

Schon in Indien, als junger Mann, hatte er seine Bilder in Ausstellungen gezeigt. Aus einer gutsituierten Familie stammend, gehörte Mal- und Zeichen-Unterricht zum Standard seiner Erziehung – bei ihm wurde echte Leidenschaft daraus. Lächelnd erzählt er von „provozierenden“ Bildern, die an der Uni „kleine Skandale“ ausgelöst hätten und die ihm heute noch, in der Rückschau, spürbar Spaß machen. Seine Familie war freigeistig und politisch engagiert. Sowohl Vater als auch Mutter wurden mehrfach inhaftiert, weil sie Ghandi nahestanden und sich in der Unabhängigkeitsbewegung einsetzten. „Mein Vater hat mich lange gemeinsam mit einem Kindermann alleine erzogen“, erzählt Chandresa und berichtet schmunzelnd, dass er zum Teil mit Ziegenmilch ernährt wurde. „Und weil die dann die richtige Temperatur hatte, habe ich direkt aus dem Euter getrunken.“

Mit einer deutschen Frau verheiratet, spricht der inzwischen 81-Jährige längst perfekt Deutsch. Lediglich ein winziger Akzent verrät seinen Migrationshintergrund. Er ist in Solingen angekommen, hat sich in 54 Jahren hier eingerichtet und lebt mitten in der Gesellschaft. Zahlreiche Ausstellungen, u.a. unter dem „Dach“ von Timm Kronenberg in Ohligs, bei „Kunstgenuss 60plus“ und in den Güterhallen, aber auch in Essen, Wuppertal und Langenfeld zeugen von seinem festen Platz in der Künstler-Szene.

„Aber wenn ich nach Hause fahre, bin ich Inder“, sagt er. „Ich trage dort indische Kleidung und passe mich sofort den Strukturen an.“ Jedes Jahr fliegt er hin. „Die Welt ist kleiner geworden: Sechs Stunden Autofahrt bis München und nur acht Stunden Flug nach Bombay – das ist doch nichts mehr.“ Er besucht Freunde und Verwandte und seine alte Mutter, die inzwischen 99 Jahre alt ist und mit der er regelmäßig skypt. „Die guten Gene liegen wohl in der Familie“, lächelt Chandresa mit spitzbübischem Charme. Auch zu seinen Geschwistern, die in Dubai und England leben, hat er viel Kontakt.

Eigene Kinder hat er nicht. „Meine Frau und ich waren damals nicht sicher, wie es für ,Mischlinge‘ hier sein würde“, sagt er. Er selber kann wenig von eigenen Diskriminierungen erzählen. Schon als junger Mann habe er viel Freundlichkeit in Solingen erfahren. „Sei es bei meiner Zimmerwirtin oder bei meinem Job als Messerschleifer“, den er ausübte, um sein Studium zu finanzieren. „Mein Vater hat – obwohl wir eine wohlhabende Familie waren – viel Wert darauf gelegt, dass wir Kinder lernen, uns zu behaupten. Zudem sollten wir lernen, handwerklich zu arbeiten.“ Etwas, das ihm immer weitergeholfen hat.

Im Portrait
  • Dr. Gia Phuong Nguyen
    Der Chefarzt kam als Achtjähriger von Vietnam nach Deutschland
  • Shabnam Arzt
    Die gebürtige Perserin wanderte über den Umweg „Türkei" nach Deutschland aus
  • Calogero Vinciguerra
    Der in Solingen geborene Italiener ist der erste EU-Feuerwehrmann der Klingenstadt.
  • Manuel Lisboa
    Der Angolaner und „Ehren-Portugiese“ hat zahlreiche Ehrenämter
  • Rose Mersky
    Die US-Amerikanerin Rose Mersky begann mit Ende 50 ihr neues Leben in Deutschland
  • Hashem Mohammed Hikmat
    Er floh aus Afghanistan, kehrte wieder zurück – und musste erneut fliehen
  • Clinton Thomson
    Der Tennis-Profi besitzt die australische und deutsche Staatsbürgerschaft
  • Brigitte Annessy
    Die vielseitige Künstlerin kam von Paris über die Kölner „Lindenstraße“ nach Solingen
  • Kanak Chandresa
    Der indische Naturwissenschaftler hat das Malen für sich entdeckt
  • Dragan Denic
    Der gebürtige Serbe kann sich noch gut an die Karstadt-Eröffnung erinnern
  • Rita Kuckelberg
    Sie kam als Kind griechischer Gastarbeiter in die Klingenstadt
  • Aissa Aurag
    Der Marokkoner kam durch seinen Hauptschul-Rektor aufs Gymnasium
  • Ingrid Lauterjung
    Sie kam der Liebe wegen aus dem belgischen Knokke nach Solingen

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