150 Jahre Solinger Synagoge

Stand 29.03.2022

Die Solinger Synagoge als Virtual-Reality-Modell
Foto: Daniela Tobias

Jetzt als Virtual-Reality-Modell

„Möge das Gotteshaus, das wir eingeweiht (haben), der ewig dauernde Mittelpunkt unserer Gemeinde bleiben. (…) Mögen auch die herrlichen Klänge, welche das schöne Weihefest vernehmen ließ, in der harmonischen Übereinstimmung aller Herzen unserer Stadtbewohner noch lange nachhallen.“

Mit diesen Worten des Solinger Vorbeters Hirsch Laubheim zur Einweihung der Solinger Synagoge am 8. März 1872 hat Oberbürgermeister Tim Kurzbach den Festakt zum 150. Jahrestag in diesem Monat eröffnet.

Der Bunker, der heute am Ort der Synagoge steht, wird jetzt zu einem Element der Solinger „Topografie der Erinnerung“, die an (vergangenes) jüdisches Leben in der Klingenstadt erinnert. Damit setzt die Stadt ein klares Signal gegen (aktuell leider wieder zunehmenden) Antisemitismus.

Mit viel persönlichem Engagement beteiligen sich an der Solinger Erinnerungskultur auch Ralf Rogge, Daniela Tobias und Armin Schulte vom Stadtarchiv. Gemeinsam mit Werner Koch von der EXCIT-3D GmbH stellten sie jetzt eine digitale Rekonstruktion des neoromanischen Baus vor, der als 3D-Modell auf mobilen Endgeräten zu entdecken ist. So werden – per Virtual oder Augmented Reality – die detailgetreue Inneneinrichtung und der Thora-Schrein wieder lebendig. Bereits 2018 hatte Andreas Schäfer vom Solinger Kunstverein mit der Kölner Kunsthochschule für Medien das auf den Bunker projizierte, dreidimensionale Synagogen-Modell als Kunstwerk „(un)sichtbar“ realisiert. Inzwischen ist die Technik weiter – und Werner Koch zeigt einen virtuellen Flug um das und im 3D-Modell der rekonstruieren Synagoge.

Ganz haptisch hat der Solinger Stahlkünstler Michael Bauer-Brandes in Anlehnung an die originale Fensterrose der Synagoge eine Rosette aus dem unvergänglichen Cortenstahl geschaffen, die ebenfalls beim Festakt zum 150. Jahrestag der Synagogen-Einweihung präsentiert wurde. Das Hexagramm des Davidsterns wird in dieser Installation aufgelöst in sechs einzelne Davidsterne, die sich in Kreisen befinden – eine Potenzierung des jüdischen Symbols im Rahmen der Unendlichkeit.

Damit wird auf künstlerische Weise der Schmäh-Artikel nach der Pogromnacht in der Rheinischen Landeszeitung vom 11. November 1938 konterkariert. Dort hieß es triumphierend: „Der Davidstern leuchtet nun nicht mehr über Solingen.“ Nun leuchtet er wieder, der Davidstern. Als Hoffnungsstrahl, dass jüdisches Leben in Deutschland, im Bergischen Land, in unserer Klingenstadt Solingen eine Zukunft hat.

Das freute beim Festakt auch den Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Abraham Lehrer, den Wuppertaler Rabbiner Chaim Kornblum und Leonid Goldberg, den Vorsitzenden der jüdischen Kultusgemeinde Bergisch Land, die Generalsekretärin des Vereins „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, Staatsministerin a.D. Sylvia Löhrmann, sowie die Solinger Abgeordneten im Deutschen Bundestag und NRW-Landtag.

Dass auch Nachfahren der Solinger Familien Coppel und Feist aus den USA, der Schweiz und Portugal anwesend waren, würdigte Kurzbach als besondere Ehre – umso mehr, als der Solinger Unternehmer und spätere Ehrenbürger Gustav Coppel ebenso wie Alfred und Siegfried Feist Mitglied im Vorstand der Synagogengemeinde gewesen war und sich vor allem für die sozialen Belange der Klingenstadt außerordentlich engagiert hatte.

Die Solinger Synagoge wurde – wie über 1.400 jüdische Gotteshäuser in ganz Deutschland – in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 geplündert und in Brand gesteckt. Am nächsten Tag wurde die Kuppel gesprengt und die Ruine bis Januar 1939 auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgetragen. Zur Tilgung wurde die Gemeinde zur Übertragung des Grundstücks an die Stadt Solingen gezwungen. 1943/44 wurde an der Stelle, an der ein „Bethaus für alle Völker“ stand, ein Hochbunker errichtet, an dem das jährliche Gedenken an die Pogromnacht stattfindet.

Doch das reicht nicht aus, befand Oberbürgermeister Tim Kurzbach in seiner Rede: „Jüdinnen und Juden – das haben wir im vergangenen Festjahr bundesweit und mit zahlreichen Veranstaltungen auch hier in Solingen gefeiert – leben seit 1700 Jahren auf dem Territorium des heutigen Deutschland. Das Judentum ist konstitutiv für Deutschland, es gehört seit jeher zur deutschen Kultur in wissenschaftlicher, künstlerischer, wirtschaftlicher, sportlicher und jedweder Hinsicht, es gehört zu unseren auf den zehn Geboten basierenden Wertvorstellungen. Es gilt, die Schönheit und die Zukunft jüdischen Lebens zu feiern!“

Aktuell zählt die jüdische Kultusgemeinde Wuppertal 2150 Mitglieder aus dem gesamten Bergischen Land, darunter rund 300 Solingerinnen und Solinger jüdischen Glaubens. Und auch Solinger:innen haben sich im „Freundeskreis Neue Synagoge“ dafür engagiert, dass vor 20 Jahren in Barmen ein neues Gotteshaus für die jüdische Gemeinde im Bergischen Land eingeweiht werden konnte.

 

Buchtipp: „Jüdische Kaufleute in Ohligs“

Basierend auf der Schaufenster-Ausstellung „Von Ohligs nach Auschwitz“ (Februar 2021 auf der Düsseldorfer Straße) ist jetzt im Bergischen Verlag das Buch „Jüdische Kaufleute in Ohligs“ von Armin Schulte und Daniela Tobias erschienen. Herausgegeben vom Max-Leven-Zentrum Solingen/Stadtarchiv verfolgt es auf 188 Seiten die Entwicklung jüdischen Lebens in Ohligs anhand von elf Familiengeschichten entlang der Düsseldorfer Straße. Fotos, Geschäftsanzeigen, Familienanzeigen und persönliche Dokumente zeigen, wie sehr auch Jüdinnen und Juden zum Charakter und Wohlstand der Klingenstadt beigetragen haben. Das Buch ist im örtlichen Buchhandel und im Stadtarchiv Solingen erhältlich. (22 Euro; ISBN: 978-3-96847-028-3)